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Survival Shows - Zwischen Faszination und Verdruss

Warnung: Der Text enthält Inhalte über das Töten von Tieren.


“Guckst du auch 7 vs. Wild?!”, fragte mich meine Freundin voller Begeisterung. “Nein, was ist das?”, wollte ich wissen, ohne zu ahnen, dass dies der Beginn einer Faszination für Survival Shows war. 


“7 vs. Wild” ist ein deutsches Survival-Format auf YouTube, ins Leben gerufen von Fritz Meinecke im Jahr 2021. In Staffel 1 wurden sieben Teilnehmer in Schwedens Wildnis ausgesetzt, mit dem Ziel, sieben Tage lang mit sieben Gegenständen zu überleben und dabei verschiedene Tagesaufgaben zu bewältigen. 


Menschen in freier Wildbahn dabei zu beobachten, wie sie versuchen, ihren neuen Alltag zu bestreiten, nicht zu verdursten, zu verhungern, sich nicht zu vergiften, zu verletzen oder zu erfrieren, ist für mich Unterhaltung pur.


Formate wie “7 vs. Wild” sind so etwas wie die Light-Version von Survival. Die Auswahl der Teilnehmenden ist eine Mischung aus Bushcraftern, Survivalisten mit Erfahrung, aber auch (oder insbesondere) Anfängern. Das Abenteuer dauert maximal 7 bis 14 Tage und birgt eher wenig ernstzunehmende Gefahren, dennoch ist die Teilnahme nicht zu unterschätzen und für den Notfall steht ein Rettungsteam rund um die Uhr zur Verfügung. 


Dann gibt es Shows wie “Alone” (derzeit zu sehen auf Netflix), in denen die Bedingungen zur Teilnahme, zum Überleben und Durchstehen des Ganzen anspruchsvoller und komplexer sind. 


In der bis dato letzten Staffel müssen zehn Teilnehmende hundert Tage lang in der Wildnis und dem harten, arktischen Winter Kanadas trotzen. Endlos weiße Landschaften, extreme Kälte mit bis zu –30 Grad, tiefer Schnee, in dem man zu versinken droht, heftige Winde und Schneestürme, gefrorenes Eis - unter diesen Umständen ausharren ist herausfordernd, und spurlos geht diese Erfahrung an keinem der Teilnehmenden vorbei. Unterernährung, Frostbeulen, verschiedene Verletzungen - das sind Konsequenzen, die die Teilnehmenden tragen müssen.


Um genug Nahrung zu haben, bleibt den Kontrahenten nichts anderes übrig als zu jagen, denn ohne Fett und Proteine ist die Überlebenschance im arktischen Winter gering. Klingt zunächst nachvollziehbar, aber bedenkt man, dass die Teilnahme freiwillig ist und es sich um Entertainment handelt (es wartet ein ordentliches Preisgeld auf den Gewinner oder die Gewinnerin), stellt sich mir die Frage: Ist das ethisch vertretbar?


In bislang jeder Show konnte die Teilnahme durch Knopfdruck an einem Funkgerät beendet werden, es ist keine Alles-oder-nichts-Situation, die Mitstreiter und Mitstreiterinnen haben eine Wahl. Auch gehören sie nicht zu einem indigenen Volk, das vom Land und dem, was  es hergibt, leben muss. Aus welchen Gründen also ist die Jagd und das Fischen in solchen Formaten gerechtfertigt? 


Es gibt Vorgaben und Gesetze darüber, welche Tiere wie gejagt und gefangen werden dürfen, wenn auch einige der ausgewählten Methoden auf mich barbarisch wirken. Besonders schockierend war, als einer der Teilnehmer mit einem Stein nach einem Eichhörnchen warf. Es wurde regelrecht erschlagen. 


Mitgemacht hat unter anderem Callie Russel, eine Nomadin, die bereits vor der Show einen Lebensstil abseits des Konsums und großer Städte lebte. In und von der Natur zu leben gehört für sie zum Alltag. Gerbung von Leder (Verarbeitung von roher Tierhaut), Sammeln von Pflanzen für medizinische Zwecke, Spurenlesen und das Jagen und Verarbeiten von Tieren zählen zu ihren Fähigkeiten. Auch sie musste während der Show fischen, Hasen und Kaninchen mit Schlingfallen fangen und andere Tiere mit Pfeil und Bogen erlegen, um zu überleben. 


Klar, auch sie wollte das Preisgeld einsacken, aber ihre Einstellung der Natur und allen Lebewesen gegenüber war eine für mich nachvollziehbare. Jedem erlegten Tier zollte sie Respekt und Dankbarkeit. Das Bewusstsein und das Verständnis für das, was sie getan hat, war ein ehrliches und achtungsvolles. Immer wieder sprach sie von ihren Ahnen und davon, dass das Land sie versorgt. 


Lange Zeit haben Menschen genau so gelebt. Schon aus diesem Grund wäre es scheinheilig, diese Lebensweise zu verurteilen, besonders, da auch heute noch viele Völker diese Art des Lebens praktizieren. Sie ist ein Teil unserer Welt. Man könnte auch sagen, so ist der Lauf der Dinge, wenn die Kontrahenten der Show die Tiere nicht töten, dann tun es andere Prädatoren. 


Aber der springende Punkt ist eben der, dass es sich um eine künstlich erzeugte Situation handelt und das eigene Überleben (es sei denn, man macht etwas Dummes und bringt sich in Gefahr, wie zum Beispiel auf Eis zu laufen, welches nicht ausreichend gefroren ist) nicht von der Teilnahme abhängig ist. Das Töten von Tieren zu Unterhaltungszwecken hinterlässt ein ungutes Gefühl. Ist es nicht sogar vermessen, das eigene Leben zum Zweck einer Unterhaltungsshow über das eines anderen Lebewesens zu stellen? 


Ein anderer faszinierender Aspekt ist die Abgeschiedenheit. Neben den physischen Herausforderungen ist die vermutlich schwierigste, sich mental auf das Alleinsein einzulassen und dem Geist Freiraum zu geben. Eine gewisse Zeit kann der Körper mit begrenzten Ressourcen auskommen, aber kann der Verstand das auch? Abgeschnitten von der Außenwelt, keine sozialen Kontakte, keine sozialen Medien, keine Streamingdienste, die den Geist (über)stimulieren. Nur du, deine Gedanken, Grundbedürfnisse, die Natur und die Tiere um dich herum. Manch einer ist dafür wie geschaffen, andere jedoch kämpfen mit der Aufgabe, sich 24/7 selbst zu beschäftigen.


Jeder von uns braucht Weggefährten, selbst wenn es nur eine Handvoll oder weniger sind. Wie Tom Hanks in “Cast Away - Verschollen”, wünschen wir uns unseren eigenen “Wilson”. Jemanden, mit dem wir glückliche und weniger glückliche Momente teilen, mit dem wir lachen und der uns das Gefühl gibt, nicht allein zu sein, wenn etwas schief läuft.


Schon in der ersten Staffel von “7 vs. Wild”, in der die Teilnehmer nur sieben Tage lang allein in der Wildnis waren, gab es Kandidaten, die nach wenigen Tagen des Alleinseins und bar jeglicher Ablenkung mentale Schwierigkeiten hatten. 


Seine Liebsten in unbekannten Situationen zu vermissen ist für mich nachvollziehbar. Am zweiten Tag meines ersten Solo-Urlaubs hat mich eine riesige Welle der Einsamkeit erfasst, weil ich meine Eindrücke und Emotionen nicht direkt mit jemandem teilen konnte. 


Erschreckend finde ich jedoch, dass viele Menschen in unserem Zeitalter vermeintlich nach jeglicher Stimulation von Außen eifern, da sie nicht in der Lage sind, diese aus dem Innern zu ziehen. Es ist normal und in Ordnung, ja sogar wünschenswert, dass wir uns langweilen. Unser Gehirn wird bombardiert mit Meinungen, Stimmen, Bildern - wo ist da der Raum für uns selbst? Wie viel davon sind andere und wie viel wir? 


Sich dem Druck immerwährender Erreichbarkeit zu entziehen ist fast schon Luxus und ich würde die Möglichkeit mit offenen Armen begrüßen. Auch wenn es sicherlich gewöhnungsbedürftig ist und FOMO kickt, würde es uns wahrscheinlich allen gut tun.


Was können wir in der Einsamkeit lernen, über uns, die Menschen in unserem Leben und unsere Welt? Den Aussagen einiger Teilnehmenden zufolge ist es mehr Wertschätzung und Dankbarkeit für das, was sie bereits haben. Für andere ist es auch die Klarheit darüber, dass das Leben in der Konsumgesellschaft mehr negative als positive Aspekte mit sich bringt. Wiederum andere freuen sich auf ihren Alltag und haben erkannt, dass ihr Leben genau so, wie es ist, perfekt ist. 


Wie lange halten diese diese Erkenntnis an? Wie lange, bis man in alte Muster zurückfällt und sich die Zeit mit mehr Unsinn statt Sinn füllt? Zahlen sich die Tode der Tiere letzten Endes in irgendeiner Form aus? Ich habe auf diese Fragen keine Antworten, aber ich weiß, dass ich die nächsten Folgen “7 vs. Wild”, “Alone” und kommenden Survival-Shows mit einer kritischen Haltung anschauen werde.



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